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Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
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Internationale Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages, 20.-25.01.2008
"Nach den bitteren Erfahrungen des letzten Jahrhunderts dulden wir keine Form von Extremismus, Rassismus und Antisemitismus - nirgendwo in der Welt und in Deutschland schon gar nicht."

Mit diesen Worten setzte Bundestagspräsident Lammert ein klares Zeichen für Toleranz und Akzeptanz. Im Rahmen der Gedenkveranstaltung des Bundestages zum Holocaust am Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 erinnerten sich die politische Führung und die deutsche Gesellschaft an ihre historische Verantwortung.

Der Bundestag hatte hierfür eine einwöchige Jugendbegegnung organisiert. Aus Frankreich, Polen, Tschechien, Russland, der Ukraine und Deutschland kamen 72 Jugendliche, um sich mit der Thematik des Holocaust und speziell "Kindern als Opfer im Nationalsozialismus" zu beschäftigen. So unterschiedlich die Teilnehmer auch waren, sie einte doch die Betroffenheit im Rückblick auf geschehenes Unrecht. Jeder von ihnen hatte sich bereits durch eigenes Engagement mit dieser Thematik befasst und war von einer Organisation geschickt worden. Neben Teilnehmern aus den Begegnungsstätten Ravensbrück, Buchenwald, Dachau, Auschwitz, und vielen weiteren durfte ich den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. repräsentieren.

Ein überaus interessantes und abwechslungsreiches Programm führte uns in der Woche vom 20. Januar bis zum 25. Januar von Einblicken in die parlamentarische Arbeit über thematische Workshops zu kulturellen Veranstaltungen. Um das Judentum nicht nur als Opfer wahrzunehmen, sondern auch etwas von der lebendigen Kultur dieser Religion zu erfahren, veranstaltete eine jüdische Gemeinde Berlins für die Jugendbegegnung ein ausgezeichnetes Buffet mit koscheren Spezialitäten. Mit dieser Lebendigkeit konnten wir uns im Folgenden auch durch Zeitzeugengespräche auseinandersetzen.

Vor dem Gebäude der Wannseekonferenz
In verschiedenen Arbeitsgruppen befassten sich die Teilnehmer mit unterschiedlichen Thematiken zur Geschichte Theresienstadts als Ghettolager. Die Aufmerksamkeit in meiner Arbeitsgruppe wurde auf die Stufen des Vernichtungsprozesses gelegt. Den Beginn der systematischen Judenvernichtung markiert die so genannte Wannseekonferenz. Anhand der Sitzungsprotokolle und einem Besuch der Dauerausstellung in der Villa des damaligen Geschehens vollzogen wir den Beginn eines koordinierten Massenmordes nach.

Der Schwerpunkt der diesjährigen Veranstaltung galt jüdischen Kindern des tschechischen Ghettolagers Theresienstadt. In dem berüchtigten Mädchenheim von Zimmer 28 versuchten die jüdischen Betreuerinnen den Mädchen im Ghetto eine erträgliche Kindheit zu ermöglichen. Ein kleines Licht der Hoffnung in Zeiten der Dunkelheit. Von den Mädchen überlebten nur sehr wenige den Zweiten Weltkrieg. Einige dieser, mittlerweile über die ganze Welt verstreuten, Überlebenden schrieben gemeinsam ein Buch über die Zeit in Theresienstadt. Begleitet wurde dieses Projekt durch eine Ausstellung, welche in der Zeit des Jugendprojektes ihren Sitz im Paul-Löbe-Haus fand und durch Bundestagspräsident Lammert eröffnet wurde. An den Erlebnissen dieser Frauen, die trotz fortgeschrittenen Alters noch überaus agil und lebendig wirkten, konnten wir durch Zeitzeugengespräche teilhaben. Die Sicht der damaligen Kinder auf die Lebensverhältnisse in Theresienstadt und später Auschwitz oder andere Stätten der Vernichtung beeindruckte und bewegte jeden von uns.

Alle Teilnehmer der Internationalen Jugendbegegnung vor dem Eingang der KZ-Gedenkstätte Theresienstadt, Bild: Deutscher Bundestag - H. Müller
Um sich selbst ein Bild vor Ort machen zu können, wurde ein Ausflug nach Terezin, dem ehemaligen Theresienstadt, in Tschechien unternommen. In dem Ort, der auf den ersten Blick einem typischen tschechischen, verschlafenen Nest gleicht, stößt man bei näherer Betrachtung überall auf Zeugnisse der Vergangenheit. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Die Häuser sind noch die gleichen wie zu Zeiten des Krieges. Die bis heute erhaltene Festungsanlage rund um die Stadt sollte die österreichischen Bewohner vor einem preußischen Angriff beschützen. Sie wurde jedoch nie zur Abwehr eines auswärtigen Feindes genutzt, sondern um einen angeblichen "Feind des Volkskörpers" einzuschließen. Von mehr als 140.000 ins Ghetto transportierten Juden kamen mehr als 118.000 um.

Die Dokumentierung der Verbrechen konnten wir im Ghettomuseum nachvollziehen. Beeindruckend waren zudem die Stätten des Todes wie das Krematorium mit angrenzendem Friedhof und das Kolumbarium. Zur Vertuschung der hohen Sterblichkeit im Ghetto wurden zum Ende des Krieges die Urnen aus dem Kolumbarium entfernt und in den nächst gelegenen Fluss gestreut.

Bekannt ist Theresienstadt doch vor allem durch seine angebliche Mustergültigkeit. Ein Internationales Komitee besuchte im Juni 1944 das Lager. Für diesen Besuch wurde eine scheinbare Normalität vorgespielt, die es nie gegeben hat. Zudem wurde mit jüdischen Häftlingen und Schauspielern ein Propagandafilm gedreht: "Theresienstadt - Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet" bekannt als "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt". Neben den Darstellern wurde auch der jüdische Regisseur im Anschluss an die Dreharbeiten nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die erhaltenen Ausschnitte des Films zeigten uns deutlich, warum der Film nie zu Propagandazecken eingesetzt worden ist. Viele Widersprüchlichkeiten im Film entlarven ihn als Fiktion.

Gestapogefängnis bei Theresienstadt
Besonders den tschechischen Teilnehmern lag es am Herzen auch die "kleine Festung" zu besuchen. Unweit von Theresienstadt befand sich ein Gestapogefängnis, in dem zu unmenschlichen Bedingungen vor allem tschechische Widerstandskämpfer gefangen gehalten wurden. Hier befindet sich noch immer die bekannte zynische Toraufschrift "Arbeit macht frei".

Mit vielen Erlebnissen und Eindrücken der vorhergehenden Woche bildete dann die Gedenkstunde im Bundestag den Höhepunkt der Begegnung. Nur zwei ausgewählte Besuchergruppen dürfen jährlich an einer Plenarsitzung im eigentlichen Sitzungsraum teilnehmen. Die Jugendlichen der Begegnung sind eine davon. Zum einen eine Auszeichnung für die Jugendlichen und zum anderen ein Zeichen dafür, dass die Thematik dem Bundestag noch immer sehr wichtig ist.

Gedenkfeier im Bundestag,
Bild: Deutscher Bundestag - H. Müller
Die Gedenkstunde bestand aus dem gesanglichen Vortrag eines in Theresienstadt komponierten Stückes, der Gedenkrede des Bundestagspräsidenten und der Rede der 91-jährigen deutsch-tschechisch-jüdischen Schriftstellerin Lenka Reinerová, die ein bedeutende Rolle in der deutsch-tschechischen Aussöhnung gespielt hat. Leider war die Dame aus gesundheitlichen Gründen verhindert und ihre Rede wurde von einer Schauspielerin vorgetragen.

Den Abschluss der Begegnung bildete eine Podiumsdiskussion, in welcher die Teilnehmer der Begegnung die Möglichkeit hatten dem Bundestagspräsidenten Lammert, der es sich nicht nehmen ließ eine Konferenz zu diesem Zweck frühzeitig zu verlassen, und dem Bundestagsvizepräsidenten Thierse Fragen zur Aktualität des Holocaustthemas in der Politik zu stellen. Eine kontroverse und überaus spannende Diskussion über Verantwortlichkeit der Politik eröffnete nicht nur den Jugendlichen, sondern auch den Politikern eine neue Perspektive.

Das Zusammentreffen von so vielen motivierten und engagierten Jugendlichen aus ganz Europa bot viele Chancen auf interessante neue Bekanntschaften und zukünftigen gemeinsamen Projekten. Ein spannendes und interessantes, aber auch sehr angefüllten Programm bereicherte mich und die anderen Teilnehmer um wertvolle Erfahrungen und Eindrücke. Mein besonderer Dank gilt den Organisatoren des Projekts aus dem Bundestag mit der Bitte auch in Zukunft mit derartigen Projekten die Erinnerung an die Vergangenheit aufrecht zu erhalten. Die Zeit des Nationalsozialismus hatte eine Vielzahl an Opfern. Neben der Erinnerung an den Holocaust und die Kriegsverbrechen sollten auch die vielen jungen Männer und Frauen, die auf allen Seiten für einen mörderischen Krieg ihr Leben opferten als Mahnung für die Zukunft gelten.
Ludger Sternberg
Letzte Aktualisierung: Sonntag, 30.07.2017, 14:48 Uhr